Erntedankfest nach Bajan-Art

Am ersten Augustwochenende tobt das Crop Over Festival auf Barbados  

von Soca M.

Reisemagazin (Österreich) · Coverstory Barbados · Von Soca M.Auf der Antilleninsel herrscht seit Wochen Hektik. Bei vielen Musikern jedenfalls. Auch Edwin Yearwood ist im Stress. Er ist der Sänger von krosfyah, einer der beliebtesten Soca-Bands der Winzlingsinsel.

Nur noch ein paar Tage bis zum großen Countdown! Denn am ersten Wochenende im August, dem Höhepunkt des Crop Over Festivals, vergibt das Land seine höchsten Kronen: für die beste Steel- und Tukband, die schillernste Kostümgruppe und den Calypso Monarch. Gerade 17 war er, als ihn die unerbittliche Jury zum besten Sänger der Insel kürte. Und er will es wieder schaffen. Tag und Nacht feilt er an seinen beiden Wettbewerbsliedern.
Und auch sonst ist auf der östlichsten Karibikinsel vieles ganz anders:

Die Radio- und Fernsehstationen berichten fast nur noch über ein Thema: „Crop Over...Sweet fuh Days!“. Politik ist ganz weit weg. Aber das Wetter! Dreht der Hurrikan über Puerto Rico etwa nach Süden und zerzaust die Phantasiekostüme beim Straßenumzug? Haben die Supermärkte ausreichend Rum und Bier gebunkert? Sind die Maskeraden noch phantasievoller als im vergangenen Jahr? Und die Frage aller Fragen: 

Wer wird der Calypso Monarch? Gelingt es Edwin noch einmal oder  Titelverteidiger Square One? Vielleicht sorgt ja auch eine neue Stimme für die große Überraschung!

Little England, wie die Bajans ihre Insel liebevoll nennen, zählt im Juli/August mehr Gäste als in der traditionellen Hochsaison Januar/Februar. Aus allen Himmelsrichtungen landen Besucher. Viele Barbadians, die in New York, Toronto, Miami oder London ihr Glück suchen, nehmen das Erntedankfest als willkommene Gelegenheit, ihre Heimat und Familien wieder zu sehen - und den Großstadtstress der Metropolen zu vergessen. Die Bindung an die ehemalige Kolonialmacht England ist eng. Viele Namen in der Hauptstadt Bridgetown erinnern an  London: Travalgar Square mit Lord Nelson Statue, Baxters Road, Broad Street... Auch sonst geht es oft very british zu - Linksverkehr, Schuluniformen, diszipliniertes Schlangestehen und eine ausgesprochene Höflichkeit. Staatsoberhaupt ist die britische Königin, trotz Unabhängigkeit seit 1966. Barbados ist der einzige Karibikstaat, der von nur einer Fremdmacht beherrscht wurde. Darauf sind die Bajans auch heute noch mächtig stolz. Und das sie weltweit auf Platz 20 beim Pro-Kopf-Einkommen liegen, noch vor Italien und Spanien.

Partysüchtige Touristen aus Nord- und Südamerika und dem Alten Kontinent zieht es magisch zum größten Sommerkarneval der Welt. Aber auch Tausende Caribbeans der Nachbarinseln sind dabei. Wer jetzt ohne Hotelreservierung landet, sucht ein preiswertes Zimmer um die 25 US$ in einem der vielen Gästehäuser vergebens. Barbados, gerade halb so groß wie Berlin, platzt aus allen Nähten. Die Open-Air-Clubs an der Südküste sind jetzt Nacht für Nacht brechend voll. Soca Bands heizen ein, was das Zeug hält. Riesige Lautsprecherboxen sorgen für den richtigen Schalldruck.

Soca ist ein Ableger des Calypso aus Trinidad. Die Souleinflüsse aus Nordamerika sind unverkennbar. Die Calypsonian Natalie Burke: „Soca ist Spaß, die Partymusik der Kleinen Antillen. Soul-Calypso wird der nächste große Sound der Karibik, der die Welt erobert. Genau wie damals der Reggae aus Jamaica.“  Edwin Yearwood ergänzt: „Soca ist nicht nur heißer Sound und frivoler Text, sondern auch eine Menge sexy Bewegung.“ Und das beweisen die Künstler überzeugend auf der Bühne. Drei Stunden Power Play mit lasziven Hüftschwung. Soviel Erotik steckt an - selbst die steifen Touristen wackeln im karibischen Rhythmus. Die Nächte vergehen wie im Flug.
 

Wer Aktivitäten am Tag bevorzugt
, sieht sich die historischen Umzüge an, bei denen symbolisch die letzten Zuckerrohre eingefahren und gepresst werden oder besucht das Bajan Culture Village. Bei Bajans und Touristen gleichermaßen beliebt ist der Kinderkarneval. Am letzten Samstag vor der großen Fete qualifizieren sich sieben Calypsonians bei den Pic-O-De-Crop-Semi-Finals für die Endausscheidung. Am Sonntag kürt das Land den Party Monarch auf der East Coast Road. Nach dem Wettbewerb tobt de fete bis zum Morgengrauen.

Tag für Tag, Nacht für Nacht steigt die Spannung. Freitag abend, 20.00 Uhr: Das National Stadium von Barbados ist gerammelt voll: Die sieben Finalisten treten gegen den Titelverteidiger an. Zwei Songs müssen sie vortragen, einen ernsten, mit dem sie eine Botschaft transportieren und einen frivolen Partyknaller. Lautstark kommentieren Jung und Alt, Dick und Dünn die Leistungen ihrer Idole. Bei der Bekanntgabe des Gewinners verwandelt sich das Stadium in einen begeisternd brüllenden Hexenkessel.  Der Gewinner ist für genau ein Jahr der größte Champion des Landes. Samstag, 14.00 Uhr: Die Party geht weiter - Fore-day Morning Jump-Up. Soca- und Steelbands bearbeiten die Musikinstrumente. Die besten DJ’s bedienen die Plattenteller. Das Tanzvolk schleppt sich erst gegen Morgen nach Hause.  Sonntag 15.00 Uhr:

Steelbands mit bis zu Einhundert Trommlern verzaubern abgesägte Ölfässer in orchestrale Musikinstrumente. Allein mit ihren Steeldrums könnten sie ein Klassikkonzert bestreiten. Aber davon will heute niemand etwas wissen: mit ohrenbetäubender Lautstärke und treibenden Calypsorhythmen peitschen die Schlagzeuger die Masse hoch. Die Nacht ist kurz, denn am Montag, dem Grand Kadooment Day beginnt die Party bereits um 9.00 Uhr im Stadion. Arbeiten muß an diesem Tag kaum jemand - Kadooment ist Nationalfeiertag auf Barbados. Einheitlich verkleidete Bajans in Kompaniestärke tanzen sich auf dem Weg zum Strand die Seele aus dem Leib.

Die Kostüme der Masqueraders sind eine Provokation der Sinne. Sie lassen mehr frei, als sie bedecken. Das Ziel lockt: Band of the Year, der letzte Preis des Karnevals. 
In Spring Garden, direkt am Meer treffen alle aufeinander, die Tänzer, Musiker, Discjockeys und die Schaulustigen. Und jetzt passiert es: Das Volk mitsamt Touristen greift ein! De real ting (die richtige Sache), nimmt seinen ungebändigten Lauf. Zuschauer gibt es nicht mehr. Gaffer werden zu Tätern, Randfiguren zu Hauptdarstellern.

Die Masse tobt mit tonnenweise Rum bei 35° im Schatten. Tieflader, vollgepackt mit haushohen Lautsprecherwänden zerfetzen die Luft. Jeder tanzt den wine, die erotische Lieblingsbeschäftigung auf Barbados, die dort anfängt, wo der Lambada aus Brasilien aufhört.  Bei der harmlosesten Variante stehen zwei Tänzer Rücken an Rücken und bewegen synchron ihren bumsi (Kosewort für Hintern). Finden beide Gefallen daran, dreht sich einer um. Bauch an Bauch geht's weiter.

Die Steigerung ist dann das jamming. Die Tänzerin stellt sich vor den Partner und drückt ihren bumsi hüftschwingend an den most privat part des Mannes. Die Krönung des wine ist aber getting on down. Die Frau beugt  den Oberkörper nach vorn, stützt sich mit den Händen am Boden ab und plaziert ihre Füße noch weiter auseinander, der Mann geht leicht in die Knie und das Spiel beginnt. 

Die zügellose Party tobt non stop bis spät in die Nacht. Dienstag früh ist alles vorbei. Die Straßenfeger sammeln den Müll ein und Barbados ist wieder eine ganz normale karibische Insel.

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